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hellwach, aber in sich gekehrt.

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Photo: Scott Hisey

Ein Gespräch mit Christoph Gallio

André Behr: Christoph Gallio, was ist privat an diesem Album «private»?

Als ich die Kompositionen für diese CD zusammenstellte ist mir aufgefallen, dass fast alle Stücke, die ich auswählte, kleine Geschenke sind, Widmungen an Menschen, die mir viel bedeuten, von denen einige aber schon nicht mehr leben. Das hat viele Erinnerungen geweckt. Ich habe die CD aber auch «private» genannt, weil ich mich in meinem Spiel und in den Solis etwas zurückhalte, wie das bei Widmungen ja sein sollte.

André Behr: Wie entstehen solche als Geschenke gedachte Kompositionen?

Ich stelle mir den Menschen vor, den ich schon lange kenne, denke an die verschiedenen Facetten seines Wesens und versuche, diese Eindrücke in Noten zu fassen. So entsteht eine Art Gebrauchsmusik. Diese Art zu komponieren entspricht mir sehr, denn für mich ist das Töne setzen etwas abstraktes. Ist die Musik als Geschenk gedacht, erleichtert mir das den Umgang mit diesem Abstrakten. Die Musik schwebt weniger imRaum.

André Behr: Komponieren Sie im Kopf?

Ich setze mich ans Klavier und beginne einfach. Am Anfang steht vielleicht ein Rhythmus, der zu dem Menschen passt, für den ich komponiere, oder eine schöne Melodie, weil er mir sympathisch ist. An diesem Grundgerüst feile und schnitze ich dann wie an einer Skulptur.

André Behr: Beim Komponieren nehmen Sie nicht das Saxophon zur Hand?

Nein, denn am Klavier kann ich mehrstimmig arbeiten. Ich lege meine Stücke immer für Saxophon und Bass an. Für das Schlagzeug gebe ich erst in jüngster Zeit, und nur von Fall zu Fall, notierte Anweisungen.

André Behr: Mit Daniel Studer am Bass und Marco Käppeli am Schlagzeug präsentieren Sie auf dieser CD eine neue Rhythmusgruppe. Warum dieser Wechsel?

Eine Band wie DAY & TAXI ist für mich ein Stilmittel, um meine musikalischen Intentionen realisieren zu können. Dazu braucht es emanzipierte Mitmusiker und solche haben als eigenständige Persönlichkeiten eigene Ideen. Daher sind Wechsel vorprogrammiert. Auch jetzt stehen Persönlichkeiten in meiner Band, doch unsere Zusammenarbeit ist frisch.

André Behr: Hört man das?

Der Umgang mit dem komponierten Material ist wieder freier. Wir improvisieren mehr und das zwingt mich im positiven Sinn, erneut mit freieren Formen umzugehen.

André Behr: Wie kamen Sie eigentlich zu diesem Bandnamen?

Eine ehemalige Freundin hat diesen Namen beim durchblättern eines Kunstkatalogs über Gilbert & George erfunden. Ich fand ihn spontan gut.

André Behr: Es fällt auf, dass einige Stücke auf «private» sehr kurz sind.

Das hat mit meinem zerstückelten Wochenalltag zu tun. Ich bin mein eigener Manager, suche Gigs für die Band, betreue mein Label «Percaso», produziere CD’s und gebe Unterricht. Das alles lässt mir nicht allzu viel freie Zeit. Allerdings bin ich auch nicht dafür geschaffen, Symphonien zu schreiben.

André Behr: Obwohl Sie das Konservatorium Basel besucht haben?

Da blieb ich ja nur ein Jahr lang. Viel weiter als bis zur Lehre vom Kontrapunkt bin ich nicht gekommen. Überhaupt war das Konservatorium nicht mein Ding. Ich war schon 25 und einiges älter als meine Mitstudenten, aber auch die Tonbildung beim klassischen Saxophon behagte mir nicht. In der Klassik hat das Saxophon immer gleich langweilig zu tönen - wie eine Geige mit dem immer selben Vibrato.

André Behr: Sie wollten freier sein?

Unbedingt. Mit dem Abbruch des Gymnasiums habe ich bewusst ein Leben in der Kunst ohne finanziell absichernden Hinterausgang gewählt. Ich bin Autodidakt und habe von Anfang an frei gespielt, seit ich mir mit 19 von meinem ersten Lohn als Securitaswächter mein erstes Saxophon gekauft habe.

André Behr: Saxophon war Ihr Wunschinstrument?

Als Jugendlicher wollte ich Querflöte lernen, aber man hat mir das von zu Hause aus nicht erlaubt. Dieser Wunsch ging vergessen, jedoch nicht der Drang, Musik zu machen. Mir ist allerdings selber nicht klar, warum ich mich gerade für ein Sopransaxophon entschieden habe, eine tschechische Occasine übrigens, zum Preis von 300 Franken. Für einen Anfänger ist das Sopransaxophon nicht leicht zu spielen und mit einem Instrument, das aussieht, wie eine Blechklarinette, kann man sich bei Kollegen ja auch weniger profilieren, als mit einem schön geschwungenen Saxophon. Zudem dürfte es besonders schwierig sein, wenn man sich gleich zu Beginn frei improvisierend zu behaupten sucht. Das hat mir mein Lehrer am Konservatorium sogar vorgeworfen. Man müsse zuerst das Instrument beherrschen und dann via Blues, Swing, Jazz und Bebop sozusagen den Coltraneweg absolvieren, bevor man sich daran wagen dürfe, das Gelernte aufzubrechen. Die freie Improvisation sei die Krönung der Musik.

André Behr: Sie haben sie an die Basis Ihrer Musikerlaufbahn gestellt. Wer waren damals Ihre Lehrer in der Praxis?

Das Leben, und Musiker wie der Pianist Urs Voerkel, und der Bassist Peter K. Frey, mit denen ich von 1978 bis 1982 im Trio «TIEGEL » zusammen gespielt habe. Mit ihnen habe ich meinen Horizont in der freien Improvisation erweiterte. Oder Lindsay L. Cooper, der erste Bassist meiner Band «DAY & TAXI». Als alter Jazzer war er geradezu besessen darauf, zu spielen, und immer bereit, zu proben, was wir sehr oft auch getan haben. Er hat mir die Spielfreude vermittelt, und den Umgang mit der freien Improvisation, die in einem Jazzidiom eingebettet ist. Und der Sopransaxophonist Steve Lacy, mit dem ich viele Gespräche über Musik geführt habe, hatte mich darin bestärkt, meinen eigenen Weg zusuchen.

André Behr: Was macht den Reiz beim freien Improvisieren aus?

Vielleicht das Erlebnis, was dabei alles entstehen kann. Man wirft sich ins kalte Wasser, agiert zusammen mit den Mitmusikern im Moment und erzeugt so spontan Sound. «Instant Composing» wird das genannt. Nicht zu wissen, wohin dabei die Reise geht, kann etwas sehr Tolles sein, aber auch sehr unbefriedigend werden. Mir jedenfalls wurde es manchmal zu beliebig. So begann ich Mitte der 80-er Jahre, in meine Improvisationen komponierte Parts einzuweben, weil sie mir so klar erschienen, dass ich sie festhalten wollte, und ich fing auch an, ganze Stücke zu komponieren.

André Behr: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen freier Improvisation und Freejazz?

Freejazz hat als Hintergrund die ganze Geschichte des Jazz und ist eigentlich eine Powermusik, die mehrheitlich von afroamerikanischen Musikern ausging und auch einen starken politischen Bezug hatte und immer noch hat. Die freie Improvisation dagegen bezieht ihre Ästhetik mehr aus der westlichen Klassik, insbesondere aus der Neuen Musik. Beim freien Improvisieren begibt man sich auf eine noch höhere Abstraktionsebene.

André Behr: Von der Sie Mitte der 80-er Jahre wieder herunter kamen, wie Sie sagen. Hat diese Wende einen konkreten Auslöser?

Vielleicht, als ich 1987 in Basel den Aktionskunstpreis bekam. Daraus entstand eine Zusammenarbeit mit dem Künstler Beat Streuli, eine Art Performance, für die ich die Musik schrieb und Beat Streuli Dia-Projektionen konzipierte. Unter dem Titel «certainty sympathy» wurde diese Performance in der Basler Kunsthalle uraufgeführt. Musikalisch war es über 45 Minuten eine Aneinanderreihung von 75 Teilen, bestehend aus ausnotierten Miniaturen, freien Improvisationen, Patterns und gesampelten Alltagsgeräuschen, wobei wir analoge und digitale Elektronik (Ernst Thoma, später Matthew Ostrowski) einsetzten. Auch ein Cello (Alfred Zimmerlin) spielte mit. Man könnte diese Arbeit als Roadmovie bezeichnen. Ich montiere meine Stücke oft zu einer CD, wie ein Regisseur einen Film. Die CD «Mösiöblö, à Robert Filliou» 2001 zum Beispiel ist ganz klar auch wieder ein Soundtrack.

André Behr: Hat umgekehrt schon jemand daran gedacht, Ihre Musik als Grundlage für einen Film zu nehmen?

Bisher nicht, aber das könnte sehr spannend werden.

André Behr: Ihr Label «Percaso» zeichnet sich auch dadurch aus, dass Sie Künstler dazu anregen, die Covers zu gestalten. Woher kommt dieses Flair für die bildende Kunst?

In der Kunstszene habe ich mich immer wohler gefühlt, als in der Musikerszene. Ursprünglich wollte ich ja Maler werden. Deshalb schrieb ich mich mit 20 an der Kunsthochschule Basel ein. Auf den Percaso-Covers sind jeweils Werke von Künstlern zu sehen, deren Arbeit mir ausgesprochen gut gefällt. Die Gestaltung der Covers übernimmt die Dänische Grafidesignerin Anne Hoffmann, die «Ms percaso 50%» ist.

André Behr: Sie malen jetzt nicht mit dem Pinsel sondern mit dem Saxophon?

Das würde mir natürlich schmeicheln, da ich gerne vom Abstrakten und Bildhaften in der Musik rede. Mag sein, dass meine Miniaturen, die keine Improvisationen enthalten und die ich Postkarten nenne, eine Art Bilder sind. Vielleicht verwirkliche ich meinen Traum, Maler zu sein, auch in den Soloauftritten.

André Behr: Weil Sie dann von niemandem abhängig sind?

In einer Band von Musikerpersönlichkeiten entstehen Reibungsflächen. Das ist spannend, und ich mache auch gerne mit anderen zusammen Musik. Aber in der Band bin ich auf das Urvertrauen zu meiner Rhythmusgruppe angewiesen. Allein kann ich am klarsten, am deutlichsten spielen. Deshalb interessieren mich auch Soloauftritte. Ich stelle dann ein Programm von ausgeschrieben Stücken zusammen, Kürzeln, Schnörkeln, improvisiere wenig und konzentriere mich ganz auf den Vortrag, die Interpretation.

André Behr: Empfinden Sie auch eine Wesensverwandtschaft zur Literatur?

Der Dichter Kurt Aebli ist einer meiner besten Freunde. Ich bin ein Lyrikfan.

André Behr: Vertonen Sie seine Gedichte?

Unter anderem. Seit etwa zwei Jahren habe ich mir ein Konzept zurechtgelegt. Ich vertone jeden Tag ein Gedicht. Neben all den anderen Arbeiten, die ich zu erledigen habe, nehme ich mir so Zeit für mich. Wie ein Schreiner, der am Abend den Tisch sieht, den er gezimmert hat, weiß ich dann, dass mein Tag nicht einfach vorüber gegangen ist.

André Behr:Führen sie mit diesen Vertonungen eine Art Tagebuch, das Sie sich zwischen durch auch anhören?

Ich höre mir das nie gesamthart an. Aber ich übertrage die Kompositionen in den Computer. Insofern entsteht daraus ein Tagebuch, ein Stimmungsmesser dafür, wie ich mich jeweils fühle. Wobei ich jede Vertonung gelten lasse, ob sie nun schlecht, mittelmäßig oder gut ist. Diese Gedichtvertonungen sind immer für eine Kerngruppe geschrieben, für Mezzosopran, Cello und ein Sopransaxophon, das auch eine Klarinette sein darf. Manchmal kommt eine Flöte dazu, manchmal ein Bass, manchmal eine Trompete, manchmal wird daraus sogar ein Oktett, meist aber bleibt es beim Trio. Zu diesem Konzept gehört auch, dass ich für eine Komposition selten mehr als eine Stunde einsetze. Und ich arbeite nur mit den Tasten, die das Klavier hat, also nicht mit Mikrotönen oder Geräuschen.

André Behr: Sie beschränken sich generell beim Komponieren?

Einem Komponisten stehen heute die verschiedensten Ästhetiken und laufend neue technischen Hilfsmittel zur Auswahl. Irgendwann muss man sich als Künstler entscheiden. Ich habe schon seit längerer Zeit beschlossen, akustisch und nicht elektronisch zu arbeiten, aber ich bin da nicht dogmatisch. Es interessiert mich auch überhaupt nicht mehr, ein Instrument bis an seine Grenzen auszuloten. Virtuosität lässt sich genauso gut in der Tonbildung, im Sound entfalten.

André Behr: Und der Sound Ihres Instrument entspricht Ihren musikalischen Intentionen am besten?

Ja, unter allen Saxophonen mag ich das Sopran besonders. Es ist ein strenges, sprödes Instrument. Mit ihm kann ich rein akustisch alles ausdrücken, was ich will.

André Behr: Hat Sie das Konzept des Minimalismus immer schon interessiert?

Ja. Mein erstes Percaso-Album «Rauschende Natur» von 1986 ist eine Kassette mit repetitiven Vierteltonmustern für Saxophon solo. Und meine erste Soloplatte «Fishland», ebenfalls 1986 erschienen, ist ein Konzeptalbum, wenn man so will. Dort findet man bereits ein Stück mit einem minimalistischen Ansatz, indem ich versuche, mit Hilfe von nur einem, für den Bluessaxophonisten typischen musikalischen Grundelement, einen ganzen Blues zu suggerieren.

André Behr: Reizt es Sie besonders aus Wenigem Neues zu machen?

Ich versuche durchaus, jede meiner Gedichtvertonungen anders anzulegen. In diesem Sinn lote ich jeden Tag meine eigenen Grenzen als Komponist aus. Aber primär geht es mir überhaupt nicht mehr darum, innovativ zu sein. Wird meine Musik trotzdem als innovativ beurteilt, stört mich das aber auch nicht. Früher habe ich versucht, mich über das Spiel zu definieren und etwas besonderes zu sein, wie das viele Junge tun.

André Behr: Verfolgen Sie noch, was die jüngere Generation beschäftigt?

Zum Teil, wobei ich die interessantesten Musiker im Moment nicht im Jazz, sondern eher in der elektronischen Musik oder im Pop finde. Die jungen Jazzer beherrschen doch ihre Instrumente phantastisch gut und haben alle Standards drauf. Künstler oder Musiker zu werden ist heute gesellschaftlich anerkannt und in jeder grösseren Stadt gibt es Jazzschulen. Alles ist lernbar, kontrollierbar, messbar geworden. Handwerklich sind die Jungen also alle top. Sie spielen besser als Charlie Parker, aber mir ist nicht immer klar, was sie selber als Musiker zu sagen haben.

André Behr: Um was geht es Ihnen?

Um die Frage, was sich mit Musik transportieren lässt, was Musik auslösen kann. Genügt meine Senderkapazität? Was ist die Ideallinie einer Melodie? Wieviel kann ich bei einem Stück weglassen damit dennoch eine veritable Komposition übrig bleibt? Ich beschäftige mich heute viel mehr mit der Musik an sich, mit Kleinstformen zum Beispiel, wie auf dieser CD, die vielleicht nur eine Minute dauern und eine einfache oder gar keine Geschichte erzählen.

André Behr: Das heisst, wir können damit rechnen, dass Sie dereinst auch einen Blues schreiben? Dann hätten Sie den Coltraneweg in umgekehrter Richtung durchlebt.

Warum nicht. Wenn man älter wird, fragt man sich als Musiker, bildender Künstler oder Literat durchaus, ob man rückwärts gewandt sei. Was ist aus all den Leuten geworden, die früher innovativ, jung und wild waren? Sind sie zur Ruhe gekommen, oder müde und ausgebrannt, oder sind sie nach wie vor hellwach, aber in sich gekehrt?

André Behr: Vielleicht versuchen sie, zum Wesentlichen vorzudringen?

Mag sein. Wobei es unerheblich ist, ob man nur rückwärts schaut, oder sich auf Spurensuche nach dem Wesentlichen befindet. Man gerät immer schnell ins Abseits, wenn man nicht die neuen Tendenzen und Stilmittel aufgreift und sich so das Etikett der Aktualität anhängt. Ein Vordringen zum Wesentlichen ist jedoch nicht abhängig von den Stilmitteln.

Interview: André Behr, Zurich

DAY & TAXI “PRIVATE” percaso production CD 020

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Christoph Gallio: soprano & altosaxophone
Daniel Studer: double bass
Marco Käppeli: drums

Composed by Christoph Gallio
Recorded at Radiostudio Zürich, 2001 December 15 & 16 by Andy Neresheimer
Edited and mixed at Elephant Château Studio Basel by Max Spielmann
Mastered at Gallus Tonstudio St. Gallen by Johannes Widmer
Liner notes by André Behr and Christoph Gallio
Text corrected by Dieter Lüdin
Foto inside by Beat Streuli
Graphic design by Anne Hoffmann
Cover Art: Christopher Wool

1 Kommentar - “hellwach, aber in sich gekehrt.”

  1. Kunst
    Dezember 18th, 2007 15:40
    1

    Gelungenes Interview mit dem Künstler. Die CD geb ich mir auf jeden Fall. Viele Grüße aus Thüringen!

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